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Mission und Kolonialismus

"Dienet dem Reich Gottes, nicht dem deutschen Reich" - mit diesen Worten entsandte Missionsdirektor Karl v. Schwartz 1893 die ersten Leipziger Missionare zum Kilimanjaro in die Kolonie Deutsch-Ostafrika. Damit beginnt das Kapitel kolonialmissionarischer Tätigkeit Leipzigs.

Die Leipziger Mission war mit ihrer Arbeit in Südaustralien und Indien von Beginn an in kolonialen Kontexten tätig. Allerdings war das Kolonialregime immer anderer Nationalität gewesen, was z.B. die Tätigkeit der Missionare in Australien in besonderer Weise beschwerte, insofern als deren spezifische Schularbeit mit Angehörigen der Gemeinschaften der Kaurna und Ngarrindjerri den kolonialen Machthabern nicht gelegen kam.

Bereits seit 1881 drängte der fränkische Pfarrer Matthias Ittameier die Leipziger Mission zur Aufnahme der Ostafrika-Mission und gründete, weil Leipzig zögerte, die eigene Hersbrucker Wakamba-Mission. In den Argumenten der Leipziger Missionsleitung spielen Überlegungen eine Rolle, ob nicht das religiöse Motiv bei einer zu großen Nähe zum Kolonialregime Schaden nähme, und ob nicht die Tätigkeit in einem deutsch-kolonialen Kontext der Internationalität der Leipziger Arbeit abträglich sein. Die Entscheidung für die Aufnahme der Arbeit in Deutsch-Ostafrika 1892 ist dann durch den Wechsel im Direktorat von Julius Hardeland zu Karl v. Schwartz 1891 initiiert. Wie allerdings der Fortgang der Geschichte zeigt, war es entgegen dem Aussendungswort von v. Schwartz überhaupt nicht zu vermeiden, in die Macht- und Gewaltstrukturen des Kolonialismus verwickelt zu werden: Den Tod der beiden Leipziger Missionare Ewald Ovir und Karl Segebrock 1896 am Meru nimmt die deutsche Kolonialverwaltung zum Anlaß einer "Strafexpedition" gegen die Arusha und Meru, durch die viele Männer getötet, die Frauen umgesiedelt, das Vieh konfisziert, Bananenhaine niedergebrannt und anschließend große Ländereien an Siedler aus dem Südlichen Afrika vergeben werden. Nachfolgend wird an der Handelssiedlung Arusha ein deutsches Militarlager errichtet, das den Grundstein für die heutige Stadt Arusha legt.

Die Leipziger Missionsarbeit am Kilimanjaro und den umliegenden Gebieten ist also in den Kolonialismus mehr als verwickelt. Folgt man den Untersuchungen des Theologen R.S. Sugirtharajah1), so ist die Missionsbewegung des 18./19. Jahrhunderts als ganzes ein geistiges Kind des Kolonialismus, da die grundlegende Bibelstelle - der Missionsauftrag nach Matthäus 28, 18-20 - überhaupt erst in dieser Zeit als Begründung für die Ausbreitungsbewegung der Kirche verwendet wird. Unter dieser Vorgabe muss die gesamte Arbeit der Leipziger Mission mit ihren Motiven, ihrem Handeln und ihren Folgen kritisch unter die Lupe genommen werden.

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1) R. S. Sugirtharajah,  Eine postkoloniale Untersuchung von Kollusion und Konstruktion in biblischer Interpretation, in: Nehring/Tielesch (2013), Postkoloniale Theologien, S. 123-144.

 

Historische Stimmen aus der Leipziger Mission

Carl Paul, Direktor von 1911 bis 1923, schreibt 1914 im Buch „Die Leipziger Mission daheim und draußen“:

Vielen Europäern ist es ein Dorn im Auge, dass der Missionar häufig als Verteidiger der Eingeborenen auftritt. Unsere Missionare haben das bei Behandlung der Arbeiterfrage getan und zuletzt bei der Sperrung des Dschaggalandes gegen den Zuzug weißer Kolonisten. Dass dieses Eintreten für die Interessen der Eingeborenen manchen Kolonisten lästig ist, kann man verstehen; denn es wird damit dem Herrenmenschentum und der rücksichtslosen Ausnutzung des Landes und Volkes eine Schranke gezogen. […] Ein solcher Verteidiger sieht sich um des Gewissens willen genötigt, seine Stimme zu erheben, mag sie nun gern gehört werden oder nicht, solange nicht überall vertrauenswürdige Eingeborenen-Kommissare bestellt sind oder die Rechtslage der Farbigen auf andere Weise sichergestellt ist.

Direktor Paul kritisiert die einseitige Berichterstattung der Medien: „Leider nehmen die in Deutsch-Ostafrika erscheinenden Zeitungen noch immer in einseitiger Weise Partei für die Ansiedler. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis in diesen Organen der öffentlichen Meinung auch die berechtigten Interessen der Eingeborenen ihre Vertretung finden.“ Damit reflektiert er die brisante Fragestellung des gleichberechtigten Zugangs der Benachteiligten zur öffentlichen Meinungsbildung.

Bei der Neugründung von Missionsstationen ging die Leipziger Mission sehr bewusst vor: „Die evangelische Mission hat es nicht gern, zugleich mit der militärischen Besetzung des Landes sich irgendwo niederzulassen. Es liegt die Missdeutung seitens der Eingeborenen gar zu nahe, dass Schwert und Kreuz miteinander im Bunde stehen, das Land zu erobern.“ Durch die getrennte Lage sollte deutlich werden, „dass die Missionsstation und die Militärstation zwei verschiedenen Herren dienen.“ 

Carl Paul sieht eine „grundsätzliche Verschiedenheit“ von Mission und Kolonialismus, die zu offenen Konflikten führt. Auf dem Höhepunkt deutschen Nationalstolzes am Vorabend des Ersten Weltkrieges prangert er 1913 die koloniale Ausbeutung an:

Die Kolonialpolitik ist in ihrer Reinkultur eine ausgesprochene Egoistin. […] Das Mutterland will von den Kolonien zehren, sich auf deren Kosten bereichern. Die Mission stellt sich in einen ausgesprochenen Gegensatz zu solchen egoistischen Bestrebungen. Sie will aus den Kolonien für sich nichts holen; sie will etwas, und zwar ein hohes Gut, in die überseeischen Gebiete hinaustragen.“ Wenn Mission und Kolonialpolitik sich begegnen, „geraten sie leicht in eine gewisse Gegnerstellung, zumal wenn die Kolonisatoren jenen selbstsüchtigen Standpunkt mit aller Schärfe und Rücksichtslosigkeit geltend machen. Da sieht sich die Mission unversehens in die Rolle des Anwalts der Eingeborenen gedrängt, die sie nicht vergewaltigen lassen will. So kommt es zur Gegnerschaft zwischen beiden. Wir haben diesen Vorgang in den letzten Jahrzehnten wiederholt erlebt.

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Ravinder Salooja

Direktor

Ravinder Salooja ist seit August 2016 Direktor des Evangelisch-Lutherischen Missionswerkes Leipzig. Zuvor war er Prälaturpfarrer im Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung (2008-2016) und Gemeindepfarrer in Ellwangen (Jagst) (2000-2016) der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Nach einem berufsbegleitenden Management-Studium Bildungsmanagement (M.A.) ist er seit 2012 zudem nebenberuflich als Bildungsmanager tätig.

Salooja bringt reiche Erfahrungen aus den Bereichen der Partnerschaftsarbeit, der Ökumene und dem interreligiösen Dialog mit. 1966 wurde er als Kind einer deutsch-indischen Familie in Braunschweig geboren. Im Rahmen seines Theologiestudiums in Bethel, Marburg und Tübingen verbrachte er ein Jahr am United Theological College in Bangalore, Indien und forschte dort zum Thema des Christlichen Yoga als Brücke zwischen Hinduismus und Christentum. In seiner Abschlussarbeit untersuchte er den christologischen Ansatz des US-amerikanischen Theologen Raimundo Panikkar. Nach dem Vikariat in Hamburg war er Gemeindepfarrer in Coswig (Anhalt) und Griebo. 1997 wurde er als Pfarrer der Evangelischen Landeskirche Anhalts ordiniert.

Der Kontext der säkularen Gesellschaft ist für Salooja ein wichtiges Element der Identität des Leipziger Missionswerkes und im Reigen der deutschen Missionswerke einmalig. Diese Erfahrungen einzubringen, ist für ihn ein einzigartiger Beitrag des LMW zur Mission in Theologie und Praxis. International liegt sein Schwerpunkt neben einzelnen Erfahrungen in Ghana, Südafrika, dem Nahen Osten und Korea bisher in Indien. Dort ist ihm die Situation der Dalits ebenso wie die der Christ*innen als Minderheit seit Jahren ein besonderes Anliegen. In Indien kam Salooja in Tharangambadi (Tranquebar) bereits 1989 erstmals mit der Leipziger bzw. Dänisch-Halleschen Mission und dem Wirken Bartholomäus Ziegenbalgs als erstem protestantischem Weltmissionar in Berührung.

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