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Mission und Kolonialismus

aus KIRCHE weltweit 4/2020

Mission, Kolonialismus und Partnerschaft

Die Bedeutung der postkolonialen Perspektive für die Theologie

Perspektiven, die sich kritisch mit bestehenden Herrschaftsverhältnissen, vorherrschenden Denkstrukturen und Machtverhältnissen in der theologischen Wissensproduktion auseinandersetzen, werden in der Theologie nur von einigen Wenigen diskutiert. Das spiegelt sich auch in der kirchlichen Partnerschaftsarbeit wider.

Von Emely Weigelt, Studentin der Politikwissenschaft, Universität Leipzig

Die Zeit, in der Deutschland Kolonialmacht war, reichte von 1884 bis 1919 – so steht es in den Geschichtsbüchern und so wird es in der ganzen Bundesrepublik gelehrt. Doch auch wenn diese Zeitspanne nicht sehr lang erscheint, wird meist vernachlässigt, welchen Einfluss sie auf die kolonisierten Länder hatte und welche Folgen bis heute in alltäglichen Strukturen spürbar sind. Zudem wird oft die Rolle der Kirchen während, aber auch nach der Kolonialzeit vernachlässigt. Frantz Fanon, ein algerischer antikolonialer Widerstandskämpfer und einer der Begründer der postkolonialen Theorie schrieb über die Kirche im Kolonialismus, dass sie die Menschen nicht zu Gott führe, sondern zum weißen Mann, zum weißen Unterdrücker.

Brechen mit alten Erzählungen

Damit die Kirche sich ihrer Verantwortung als beherrschende und kolonisierende Institution stellen und ihre Rolle in einer kolonialen Welt reflektieren kann, muss die Bedeutung des Postkolonialismus auch für die Theologie erkannt werden. Als postkolonial gelten kolonisierte Kulturen von der Zeit ihrer Kolonisierung bis heute. Damit sprechen sich postkoloniale Theorien gegen die Annahme aus, dass der Kolonialismus mit der Selbstständigkeit kolonisierter Länder vorüber sei. Im Gegenteil – sie zeigen Langzeiteffekte des Kolonialismus und Probleme der postkolonialen Gegenwart auf. Postkolonialismus kann damit auch als Widerstandsform gegen koloniale Herrschaft und ihre Konsequenzen betrachtet werden.
Damit ermöglichen postkoloniale Theorien, auch in der Theologie vorherrschende Denkstrukturen aufzudecken und Machtverhältnisse in der theologischen Wissensproduktion offenzulegen. Machtkritische Perspektiven werden in der Theologie oft an den Rand gedrängt, und die Deutungsmacht, beispielsweise über Lesarten oder neue Erkenntnisse, liegt im Zentrum. Damit werden abweichende Perspektiven ausgeschlossen beziehungsweise verhindert, dass sie gehört werden. Postkoloniale Theorien haben dabei das Anliegen, mit genau dieser Teilung aufzubrechen, indem Machtverhältnisse nicht nur reflektiert, sondern auch offengelegt werden. Die bestehende Wirklichkeit kann also mit Hilfe neuer Perspektiven umgedeutet und vorherrschende Denkmuster überwunden werden. Dies kann durch sogenannte Praktiken des Erinnerns geschehen. Durch das Teilen von Erfahrungen und Erlebnisse durch Unterdrückte können beispielsweise neue Erkenntnisse über die Vergangenheit gewonnen werden. Die Theologin Judith Gruber spricht davon, dass durch das Brechen mit alten Erzählungen hin zu neuen Erkenntnissen, sich theologisch gesprochen, Auferstehung ereignet. Postkoloniale Theorien sind somit sehr bedeutsam für die Theologie, da durch die machtkritische Perspektive Möglichkeiten eröffnet werden, neue und weitgreifende Erkenntnisse in ihr zu gewinnen.
Betrachtet man Mission, Kolonialismus und Partnerschaft durch eine postkoloniale Perspektive, so wird deutlich, welche praktische Bedeutung der Kolonialismus vor allem für kirchliche Süd-Nord-Partnerschaften hat. Der tansanische Pfarrer Emmanuel Kileo argumentiert, dass durch die Mission der christlichen Kirche in den kolonisierten Kulturen jahrhundertealte Werte untergraben und ersetzt und die Betroffenen entmenschlicht wurden. Er nennt die Kirchen deshalb auch „Kolonialagenten ihrer Zeit“. Trotz der Abschaffung des Kolonialismus leben die durch die Kirchen im kolonialen Kontext verbreiteten Werte weiter und stützen damit einen Teil der kolonialen Welt und halten deren Strukturen aufrecht. Aus einer postkolonialen Perspektive ist die Mission in (ehemaligen) Kolonien zudem problematisch, da bereits ein Machtgefälle vorausgeht. Hier liegt die Überzeugung zugrunde, dass westliche Werte höherwertig und universal sind und der christliche Glaube anderen Religionen übergeordnet ist.
Außerdem entstand während der Dekolonisierungsprozesse nach dem ersten Weltkrieg der Begriff ‚Partnerschaft‘ als eine Strategie, um Macht und Erhabenheit der Weißen zu sichern. Den ehemals Kolonisierten ermöglichte der Begriff eine hoffnungsvolle Perspektive in die Zukunft, die einbegriff, dass sich Nord- und Süd-Partner*innen annähern würden. Das Partnerschaftskonzept diente jedoch auch dazu, das Überlegenheitsgefühl Europas zu sichern und den Missionskirchen im Süden Unabhängigkeit zu suggerieren. Durch Maßnahmen, wie dem Betreiben von Fürsorgeeinrichtungen konnte weiter Macht über die ehemaligen Kolonien ausgeübt werden, die durch den Mangel an Erfahrung, Bildung, innerer Einheit und politischer Strukturen begründet wurde. Da die Nordkirchen zudem über Finanzmittel und andere Ressourcen verfügten und immer noch verfügen, mussten und müssen Südkirchen sich oft automatisch unterordnen.

Auswirkungen auf die Partnerschaftsarbeit

Doch welche Forderungen ergeben sich aus diesen Erkenntnissen und welche Lösungsansätze gibt es, um das Nord-Süd-Machtgefälle aufzulösen und eine gleichberechtigte Partnerschaft zu ermöglichen? Grundvoraussetzung dafür ist es, ein Bewusstsein für das Privileg weiß zu sein zu erlangen. Dafür ist auch die aktive Benennung der rassistischen Normalität nötig. Denn die Überlegenheit weißer Menschen und Institutionen ist entscheidend für den Fortbestand kolonialer Strukturen in bereits dekolonisierten Staaten verantwortlich. Zudem ist eine theologische Auseinandersetzung des Partnerschaftsbegriffs nötig, um die beschriebenen Machtgefälle, die durch den Begriff auftreten, aufzubrechen und die Übermacht des Nordens nicht zu reproduzieren.
Die Missionstheologie muss sich demnach auch mit der Frage beschäftigen, wie eine über-kulturelle Partnerschaft gelingen kann, ohne dass ein neo-koloniales Gefüge entsteht. Daneben ist es von großer Bedeutung, sich damit auseinanderzusetzen, wie der Dialog bei missionarischen Tätigkeiten geführt werden soll. Dieser hat meist die Bekehrung des Gegenübers zum Ziel, was der Annahme zu Grunde liegt, dass das Christentum universal ist und über anderen Weltanschauungen steht, folglich mit einer Überhöhung westlicher Werte einhergeht. Doch genau damit muss gebrochen werden, um eine Gleichstellung zwischen Nord und Süd ohne – oder nur mit einem geringen – Machtunterschied zu erreichen.
Der postkoloniale Blick schenkt folglich neue Perspektiven und Erkenntnisse für das Verhältnis von Mission und Kolonialismus. Damit ist es möglich, den Partnerschaftsbegriff sowie das Missionsverständnis weiterzuentwickeln, um das Machtgefälle, das zwischen Nord- und Süd-Kirchen besteht, aufzuheben und eine gleichberechtigte Zusammenarbeit in der globalisierten Welt zu ermöglichen. Die Theologie als Wissenschaft und auch als Praxis muss sich in Zukunft verstärkt ihrer postkolonialen Verantwortung stellen und diese nicht nur als Randthema behandeln. Nur so ist es möglich, sich neuen Erkenntnissen zu öffnen und der Gefahr entgegenzuwirken, koloniale Praktiken zu reproduzieren.

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