Stellungnahme des Leipziger Missionswerkes zur Entdeckung menschlicher Überreste in der ethnografischen Sammlung
Das Leipziger Missionswerk (LMW) gibt mit großer Betroffenheit bekannt, dass im Leipziger Missionshaus ein menschlicher Schädel gefunden wurde. Bislang lagen den derzeit Verantwortlichen keine Hinweise darauf vor, dass sich menschliche Überreste in der ethnografischen Sammlung befinden.
Bei der Durchsicht historischer Karteikarten zu den Ausstellungsobjekten aus der DDR-Zeit entdeckte Ulrike Kirsch, Mitarbeiterin des Projekts Marejesho, drei Einträge mit Vermerken zu menschlichen Überresten, darunter ein menschlicher Schädel, ein Bruchstück eines menschlichen Schädels sowie menschliches Haar. Die Suche im aktuellen Verzeichnis bestätigte den Verdacht, dass sich der Schädel bei der letzten großen Bestandserfassung Mitte der 1990er Jahre noch im Bestand des LMW befand. Der Schädel stammt laut Eintrag Nr. 1458 eines Zettelkatalogs aus Afrika. Eine genauere Herkunft oder Datierung ist nicht vermerkt.
Eine daraufhin durchgeführte systematische Suche im Magazin brachte die Gewissheit: Im Bestand des LMW befindet sich tatsächlich ein menschlicher Schädel.
Die Gründe dafür, dass diese Information im Laufe der Zeit nicht mehr präsent war, sind bislang offen und sollen im Rahmen der weiteren Aufarbeitung ebenfalls untersucht werden.
Das LMW wird den Schädel bis zur Klärung seiner Herkunft und des weiteren Umgangs nicht ausstellen, untersuchen oder anderweitig verwenden. Er wird würdig und unter angemessenen Bedingungen verwahrt.
Die Entdeckung nimmt das LMW zum Anlass, seinen Bestand grundsätzlich daraufhin zu überprüfen, ob weitere menschliche Überreste vorhanden sind. Eine Arbeitsgruppe des LMW hat dazu folgende Grundposition erarbeitet:
Grundposition des Leipziger Missionswerkes zum Umgang mit menschlichen Überresten
Das Leipziger Missionswerk (LMW) stellt sich seiner Verantwortung für menschliche Überreste, die sich in seiner Sammlung befinden. Menschliche Gebeine sind Überreste von Menschen. Ihnen gebühren Würde, Respekt und ein verantwortungsvoller Umgang.
Dies gilt in besonderer Weise für menschliche Überreste, die im Zusammenhang mit der europäischen Kolonial- und Missionsgeschichte nach Deutschland gelangt sind. Das LMW ist sich bewusst, dass Mission in kolonial geprägten Machtverhältnissen stattgefunden hat und dass auch das Aneignen und Überführen menschlicher Überreste in deutsche Sammlungen Teil dieser Geschichte sein kann. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Umständen ihrer Aneignung und Überführung gehört deshalb zur Aufarbeitung der eigenen Missionsgeschichte.
1. Würde und Respekt
Das LMW betrachtet menschliche Gebeine nicht als gewöhnliches Sammlungsgut. Sie werden mit besonderem Respekt behandelt, würdig aufbewahrt und nicht ohne einen nachvollziehbaren ethischen oder wissenschaftlichen Grund untersucht, verändert, ausgestellt oder anderweitig verwendet.
2. Transparenz und Provenienzforschung
Das LMW wird den Bestand an menschlichen Überresten in seinem Verantwortungsbereich erfassen und versuchen, deren Herkunft soweit wie möglich zu klären. Dabei werden insbesondere die Identität der Verstorbenen, der ursprüngliche Kontext, die Umstände des Todes, der Entnahme und des Erwerbs sowie die Wege ihrer Überführung nach Deutschland untersucht. Ein Antrag beim Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste zur Unterstützung dieser Forschung wird derzeit erarbeitet.
Die Ergebnisse dieser Forschung werden transparent gemacht. Wo Wissen fehlt oder Provenienzen nicht eindeutig geklärt werden können, wird dies ebenfalls offen benannt.
3. Zusammenarbeit mit Herkunftsgesellschaften und Nachfahrengemeinschaften
Die Erforschung und Bewertung menschlicher Überreste darf nicht allein aus deutscher oder europäischer Perspektive erfolgen. Das LMW sucht deshalb den Dialog mit den Herkunftsgesellschaften und Partnerkirchen sowie – soweit möglich – Nachfahrinnen und Nachfahren der Verstorbenen.
Ihre Perspektiven, religiösen Vorstellungen und Wünsche hinsichtlich des Umgangs mit den menschlichen Überresten sind bei Entscheidungen maßgeblich.
4. Rückgabe und Repatriierung
Das LMW sieht die Rückgabe menschlicher Gebeine an ihre Herkunftsgesellschaften bzw. Nachfahrengemeinschaften grundsätzlich als den angemessenen Umgang an, sofern diese dies wünschen. Uns ist bewusst, dass dabei die jeweils geltenden staatlichen Rahmenbedingungen zu beachten sind. Eine Rückgabe kann ein wichtiger Schritt sein, um die Würde der Verstorbenen zu achten und kolonial geprägte Unrechtsverhältnisse aufzuarbeiten.
Bei der Entscheidung über eine Rückgabe werden die Provenienz, die Umstände der Aneignung, die Wünsche der Herkunftsgesellschaften und Nachfahrengemeinschaften sowie die Möglichkeiten einer würdigen Rückführung berücksichtigt. Das LMW versteht die Rückgabe menschlicher Gebeine nicht als Verlust, sondern als Ausdruck von Verantwortung, Respekt und der Achtung der Würde der Verstorbenen sowie als Zeichen partnerschaftlicher Beziehung.
5. Kirchliche Verantwortung und Partnerschaft
Als evangelisches Missionswerk versteht das LMW die Auseinandersetzung mit menschlichen Gebeinen auch als Teil seiner theologischen und ethischen Verantwortung. Die christliche Überzeugung von der Würde jedes Menschen endet nicht mit dem Tod. Sie verpflichtet dazu, auch mit den sterblichen Überresten von Menschen achtsam und respektvoll umzugehen.
Wo menschliche Gebeine aus dem Kontext der Missionsgeschichte betroffen sind, soll ihre Aufarbeitung deshalb nicht isoliert, sondern im Dialog mit unseren Partnerkirchen und den betroffenen Gesellschaften erfolgen. Dabei geht es nicht nur um die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern auch um die Gestaltung einer Partnerschaft, die von gegenseitigem Respekt, Transparenz und der Bereitschaft zur Veränderung geprägt ist.
6. Verantwortung für die Zukunft
Das LMW wird seinen Bestand systematisch daraufhin überprüfen, ob weitere menschliche Überreste vorhanden sind. Der Umgang mit diesen wird regelmäßig überprüft. Es wird sich dabei an den jeweils geltenden ethischen und fachlichen Standards orientieren. Neue Erkenntnisse aus der Provenienzforschung sowie die Perspektiven der Herkunftsgesellschaften sollen in die weitere Arbeit einfließen.
Mit dieser Grundposition verbindet das LMW die Bereitschaft, Verantwortung für die eigene Geschichte zu übernehmen, bestehende Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen und aus der Vergangenheit Konsequenzen für die Gegenwart und Zukunft der internationalen kirchlichen Partnerschaft zu ziehen.
